Was machen Sie beruflich genau?
Ich bin Professor an einer Fachhochschule (ZHAW). Zu einem Viertel gebe ich Unterricht, den Rest machen wir angewandte Forschungsprojekte.
Interview · Juni 2026
Geführt von der Schülerzeitung Bach Schulhaus, Schafhausen.
Ich bin Professor an einer Fachhochschule (ZHAW). Zu einem Viertel gebe ich Unterricht, den Rest machen wir angewandte Forschungsprojekte.
KI hat einen grossen Einfluss. Zum einen erforschen wir den Einsatz von KI für den Bau von Systemen, die Menschen im Gesundheitsbereich, Bildungs- und Beratungswesen unterstützen, ihre Ziele besser zu erreichen. Zum anderen nutze ich KI täglich bei vielen Aufgaben, etwa beim Schreiben, Recherchieren oder Planen von Projekten.
Wir erleben die Entstehung einer Technologie, die mit natürlicher Sprache auf eine Weise umgehen kann, die vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar war. Wir können damit nicht nur aus Texten spezifische Informationen herausholen oder mit vorgegebenen Informationen Texte erzeugen, sondern auch mit KI zusammenarbeiten: Statt einer KI einfach eine Aufgabe zu geben, frage es zuerst, wie es Dir dabei helfen kann. Frage dann nach, was es zusätzlich wissen muss, um Dir gut zu helfen. Frage auch, wie ihr am besten zusammen vorgeht, um das beste Ergebnis zu erhalten.
Diese Frage kratzt an ein grosses Thema, vor dem nicht nur SchülerInnen und LerherInnen, sondern auch das Bildungswesen als Ganzes wie auch die Berufswelt gestellt werden. Sinnvoll bedeutet, dass es einem Ziel dient. Ein grosses Ziel der Bildung ist die Vorbereitung auf Leben und Beruf. Aufgaben dienen dieser Vorbereitung, indem etwas erlernt oder geübt wird. Aber was ist es denn genau, was uns dabei nachhaltig auf Leben und Beruf vorbereitet?
Der nachhaltige Lerneffekt vom Auswendiglernen eines Gedichts ist nicht, dass Du dieses Gedicht Dein Leben lang wiedergeben kannst. Es geht um die Fähigkeit, etwas auswendig lernen zu können. Der Effekt von schriftlicher Division (weisch no?) ist nicht, dass Du später so dividierst. Sondern dass Du Dir eine komplizierte Anleitung aneignen und diese anwenden kannst. Es geht also um dahinterstehende Effekte, denen wir uns oft nicht bewusst sind.
Die KI ist demgegenüber neutral: Du kannst jede Aufgabe mit KI so lösen, dass der Lerneffekt stattfindet oder eben nicht. Hier eine Daumenregel: Benutze KI nicht, um eine Aufgabe für Dich zu lösen. Benutze KI so, dass es Dir hilft, die Aufgabe selbst lösen zu können. Dann bist Du auf der sicheren Seite.
Gleichzeitig werden sich wohl auch die Aufgaben verändern, weil sich auch die Berufe ändern. Das ist aber noch ein anderes Thema...
Dass die KI unsere Ausgangskompetenzen reduziert, wenn wir sie ungünstig nutzen. Das Gehirn ist ähnlich wie ein Muskel: wenn Du Deine Muskeln trainieren willst, musst Du dafür Gewichte heben. Wenn Du beim Gewichte heben eine Maschine benutzt, die das Gewicht leichter macht, hast Du weniger Trainingseffekt.
Nebst dem zuvor beschriebenen Nachteil muss auch beachtet werden, dass wir Menschen eine Neigung haben, anders mit Dingen umzugehen, sobald sie natürlich-sprachlich mit uns reden. Mehr oder weniger bewusst beginnen wir, diesem Ding menschliche Eigenschaften zuzuschreiben.
Wie andere digitale Plattformen haben auch KI-Anbieter ein Interesse daran, ihre Systeme attraktiv und häufig nutzbar zu machen. So gestalten sie ihre KI so, dass sie freundlich, empathisch, wertschätzend und immer positiv wirkt. Eine KI ist aber nicht freundlich, weil sie tatsächlich Gefühle oder Empathie erlebt. Sie kann sehr überzeugend menschliches Verhalten nachahmen, ohne die Welt so zu verstehen wie ein Mensch.
Wenn es aber so wirkt, besteht die Gefahr, dass wir es für Dinge verwenden, für die es ungeeignet ist. Zum Beispiel als Quelle ungeprüfter Wahrheit, als FreundIn in der Not, dessen Ratschläge ich blindlings folge oder einfach als Bestätigung, dass mein bisheriges Ergebnis meiner Arbeit super ist und ich nichts mehr weiteres daran verbessern muss.
Allgemein, über alle Berufe hinweg, würde ich empfehlen, dass wir bei jedem Schritt einer Arbeit uns fragen, ob wir das mit KI schneller oder besser tun könnten. Diese Technologie entwickelt sich noch sehr schnell, und wir entdecken laufend neue Möglichkeiten und Grenzen. Dabei braucht es einerseits Menschen, die alles ausprobieren. Ich gehöre eher zu dieser Gruppe. Gleichzeitig braucht es auch Menschen, die das kritisch hinterfragen, Schwächen und Gefahren aufdecken und darauf hinweisen. Nur zusammen kommen wir so zu nachhaltigen Verbesserungen.
Ja, wieso nicht? Ich sehe und erlebe, wie ein gewinnbringender Umgang mit KI von Tipps, Tricks und Erfahrungen profitiert. Einerseits ist generative KI wie wir sie mit ChatGPT benutzen eine der ersten Technologien, die wir in natürlicher Sprache nach ihrer Funktionsweise fragen können. Trotzdem braucht es ein Verständnis, um die Chancen zu nutzen und Risiken zu meiden. Aber ich sehe auch, wie existierende Fächer viel zu einem guten Verständnis von KI beitragen: Ein Sprachverständnis hilft, das Maximum aus einem Chat mit KI herauszuholen. Mathematik hilft uns, zu verstehen, was KI ist, was es kann und was eben nicht.
Gute KI hilft Menschen beim Lernen, Verstehen oder Lösen von Problemen. Zum Beispiel mag ich consensus.app, um Informationsquellen zu finden und notebooklm.google.com, um gefundene Informationsquellen so aufzubereiten, dass ich das mit GPT oder ähnlich weiter verarbeiten kann. Kritischer sehe ich Anwendungen, die Menschen möglichst lange beschäftigen sollen oder soziale Beziehungen simulieren, um Aufmerksamkeit zu binden. Zum Beispiel replika.com oder character.ai, welche KI-basierte Freundschaften versprechen, gleichzeitig aber damit Geld verdienen, dass Benutzende möglichst oft und lange Zeit damit verbringen. Solche Anwendungen werden deshalb auch immer wieder kritisch diskutiert.
Arbeite damit, um Erfahrungen zu sammeln. Lerne, gute Fragen zu stellen und zu erkennen, wo KI hilfreich ist und wo nicht. Lass es nicht die Aufgaben anstelle von Dir lösen, sondern benutze es so, dass es Dich zum Lösen der Aufgaben befähigt.
Konzentriere Dich darauf, Fähigkeiten zu entwickeln, die über das reine Bedienen von Werkzeugen hinausgehen. Kreativität, kritisches Denken, Zusammenarbeit und die Fähigkeit zu lernen werden auch in Zukunft wichtig bleiben.